Interview
Zwischen Gipfelglück und Grenzerfahrungen
Mein Leben als Alpinwanderer

Martina Lang im Interview mit Holger Kanzok
Der Wind pfeift über den Grat, die Sonne taucht die schroffen Gipfel in goldenes Licht. Ein letzter Schritt, dann ist es geschafft – der Blick öffnet sich in alle Richtungen, und für einen Moment scheint die Welt stillzustehen. Alpine Wanderungen sind weit mehr als bloßes Gehen auf steinigen Pfaden. Sie sind eine Mischung aus Naturerlebnis, mentaler Herausforderung und unbeschreiblicher Freiheit. Aber was macht diese Leidenschaft aus? Warum zieht es manche Menschen immer wieder in die Höhe, dorthin, wo der Atem kürzer wird und das Herz schneller schlägt? Ein erfahrener Alpinwanderer gibt Einblicke in seine Faszination für die Berge.
„Jeder Schritt nach oben ist auch ein Schritt zu mir selbst“
Wandern kann man ja fast überall – warum zieht es dich ausgerechnet in die Alpen?
Weil die Berge eine Magie haben, die man nirgendwo sonst findet. Diese Mischung aus ungezähmter Natur, endloser Weite und körperlicher Herausforderung – das macht für mich den Reiz aus. In den Alpen ist kein Weg wie der andere. Mal wanderst du durch blühende Almwiesen, mal kraxelst du über Felsbänder oder balancierst über schmale Grate. Es ist nie nur Gehen, es ist immer auch ein Abenteuer.
Was war deine erste alpine Wanderung – erinnerst du dich daran?
Oh ja! Ich war ein Teenager, und ein Freund hat mich überredet, mit ihm auf einen Dreitausender zu steigen. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet, nur einen viel zu schweren Rucksack und eine gehörige Portion Respekt. Die letzten Höhenmeter waren brutal – die Beine brannten, der Atem ging flach. Aber dann, als wir oben standen und in dieses endlose Panorama schauten, war plötzlich alles vergessen. Dieses Gefühl hat mich nie wieder losgelassen.
„Die größte Herausforderung? Nicht der Berg – sondern der eigene Kopf“
Was ist für dich die größte Herausforderung beim Alpinwandern?
Viele denken, es sei die körperliche Anstrengung. Klar, die spielt eine Rolle – aber die wahre Herausforderung passiert im Kopf. Es gibt Momente, in denen du zweifelst, in denen jeder Schritt schwerfällt oder das Wetter plötzlich umschlägt. Dann geht es darum, ruhig zu bleiben, Entscheidungen zu treffen und weiterzumachen. Alpine Wanderungen lehren dich unglaublich viel über dich selbst.
Gab es eine Tour, die dich besonders an deine Grenzen gebracht hat?
Definitiv! Letzten Sommer bin ich eine mehrtägige Tour in den Dolomiten gegangen. Der dritte Tag war pure Herausforderung: steile Anstiege, schmale Pfade direkt am Abgrund und dann noch ein plötzlicher Wetterumschwung. Es hat gehagelt, der Wind hat an uns gezerrt – ich habe jede Faser meines Körpers gespürt. Aber genau das sind die Erlebnisse, die bleiben. Weil du am Ende realisierst: Ich habe es geschafft.
„Die Natur ist kein Spielplatz – sie verdient Respekt“
Worauf sollte man achten, wenn man sich in die Berge wagt?
Vorbereitung ist alles. Das fängt bei der Tourenplanung an – man muss die Route kennen, das Wetter checken und sich selbst realistisch einschätzen. Die richtige Ausrüstung ist essenziell: gute Schuhe, wetterfeste Kleidung, genug Wasser. Und dann gibt es noch etwas, das mir besonders wichtig ist: Respekt vor der Natur. Die Berge sind kein Freizeitpark. Wer dort unterwegs ist, sollte achtsam sein, keinen Müll hinterlassen und die Wildnis so bewahren, wie sie ist.
Gibt es einen Fehler, den du am Anfang gemacht hast und heute vermeiden würdest?
Oh, viele! (lacht) Der Klassiker: zu schwerer Rucksack. Man neigt dazu, für jede Eventualität gewappnet sein zu wollen, und plötzlich trägt man ein halbes Wohnzimmer mit sich herum. Weniger ist oft mehr – aber das lernt man mit der Zeit.
„Jeder Gipfel hat seine eigene Geschichte“
Gibt es einen Ort, der dich besonders fasziniert hat?
Da gibt es viele. Aber einer meiner Favoriten ist der Hochkalter in den Berchtesgadener Alpen. Es ist kein berühmter Berg wie die Zugspitze, aber er hat eine raue, fast wilde Schönheit. Die Route ist anspruchsvoll, du brauchst Kondition und Trittsicherheit, aber wenn du oben stehst und das Steinerne Meer unter dir liegt, ist das einfach unbeschreiblich.
Was würdest du jemandem raten, der mit dem Alpinwandern anfangen möchte?
Fang langsam an! Es muss nicht gleich der höchste Gipfel sein. Such dir erst leichte Touren, gewöhne dich an die Höhe und steigere dich nach und nach. Und vor allem: Genieße den Weg! Wandern ist kein Wettlauf – es geht darum, die Natur zu erleben und den eigenen Rhythmus zu finden.
Ihr Fazit?
Alpine Wanderungen sind mehr als nur ein Hobby – sie sind eine Reise zu sich selbst, eine Möglichkeit, die Natur in ihrer reinsten Form zu erleben. Wer einmal den Moment erlebt hat, wenn sich nach einem anstrengenden Aufstieg die Bergwelt vor einem öffnet, der weiß: Diese Leidenschaft lässt einen nie wieder los.
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